Unkaputtbar

Wenn Harry Dobbert vor einem sitzt wird nicht sofort begreiflich, was für ein bewegtes Leben der ehemalige Polizist, gebürtige Berliner und kurzzeitige Besitzer zweier Berliner Mauerteile bereits hinter sich hat – auch nicht, wie viel dieser Mann bereits verkraften musste.

Von Phillip Bedruna und Alexandra Knull

Erste Erfolge und Start bei der Polizei

Harry Dobbert wurde 1942 im Osten Berlins geboren. Schon in frühen Kindertagen betätigte er sich sportlich als Fußballer bei der Kinder- und Jugendsportschule. Bereits hier zeigte er auch eine Begeisterung für die Leichtathletik, welche für ihn schon immer die fairste Sportart war. Außerdem kann man sie überall ausführen. Der Bau der Berliner Mauer veranlasste Dobbert schließlich zur Flucht nach West-Deutschland. Sein weiteres Leben wurde maßgeblich von seiner polizeilichen Laufbahn sowie von seinen sportlichen Erfolgen beeinflusst und bestimmt.

1961 kehrte er von Frankfurt am Main nach West-Berlin zurück und bewarb sich sogleich bei der West-Berliner Polizei. Schon während seiner Zeit bei der Polizei betätigte sich der frischgebackene Polizist in Disziplinen der Leichtathletik. Seine Disziplinen waren der Sprint und Staffellauf. Hier gehörte er in seinem Verein „SC Siemensstadt“ zu den Besten. Seine Anstrengungen sollten nicht unbemerkt bleiben. Spätestens bei einem Leichtathletik-Wettbewerb während einer Polizeischau gelang es Dobbert drei dienstfreie Schichten zu gewinnen.

Olympia 1972

Doch Harry Dobberts Leben war nicht nur von Höhepunkten geprägt. Das erste einschneidende Ereignis waren die Olympischen Sommerspiele 1972 in München, bei denen er mit einigen anderen als verstecktes Sicherheitspersonal eingesetzt wurde. Er lernte hier viele deutsche Spitzensportler kennen und alles schien ruhig zu verlaufen.

Doch am 5. September 1972 ereignete sich ein Anschlag der palästinensischen Terrororganisation “Schwarzer September” im Olympischen Dorf.

An jenem Morgen überfielen acht bewaffnete Terroristen, denen man später Unterstützung durch deutsche Neonazis nachweisen konnte, das israelische Team. Gleich zu Beginn des Überfalls wurde eine israelische Geisel getötet und aus dem Fenster geworfen. Wenig später starb eine weitere Geisel an den ihr zugefügten Verletzungen. Wie Dobbert selbst rückblickend feststellt, waren die Beamten auf eine solche Extremsituation sehr schlecht vorbereitet. Sie waren weder im Besitz der notwendigen Ausrüstung noch hatten sie die richtige Ausbildung erhalten, da sie lediglich gelernt hatten auf Arme und Beine zu schießen. Jedoch wären tödliche Schüsse erforderlich gewesen. Als eine Einsatztruppe zur Befreiung der Geiseln zusammengestellt wurde mit dem Hinweis, dass auf lebende Menschen geschossen werden müsse, meldete sich Dobbert freiwillig.

Die Terroristen waren mit den Geiseln zwischenzeitlich auf dem Militärflugplatz Fürstenfeldbruck bei München eingetroffen. Doch die Befreiungsaktion endete in einer völligen Katastrophe. In der Nacht zum 6. September 1972 starben alle neun Geiseln: ein Polizeibeamter, der versehentlich von einer Kugel tödlich am Kopf getroffen wurde, fünf Terroristen wurden tot aufgefunden, drei weitere überwältigt. Die Suche nach den übrigen Terroristen wurde eingestellt. Angesichts dieser Bilanz ist Dobbert immer noch sehr froh darüber bei dieser Aktion, trotz freiwilliger Meldung, nicht eingesetzt worden zu sein.

Gründung des Berliner SEK

Die Konsequenzen, die aus “München 72” gezogen wurden, sollten bis nach Berlin zu spüren sein. Für die Öffentlichkeit und die Bundesregierung stand klar fest, dass sich so ein Desaster nie mehr wiederholen sollte. Mit dieser Entscheidung wurde schließlich die deutsche Antiterroreinheit “GSG 9” und auf Landesebene die einzelnen SEK gegründet. An der Gründung des Berliner SEK war Dobbert federführend mitbeteiligt und somit einer der Gründerväter. Der Hindernisparcours, den er entwarf, wird auch heute noch von den Berliner Ausbildern genutzt – ein weiterer Erfolg in seinem Leben.

Trainer beim SC Siemensstadt

Mit der Geburt seiner Tochter und auch ihrer Begeisterung für Leichtathletik, wurde er im Jahr 1973 Trainer beim “SC Siemensstadt”. Er betreute eine Gruppe von 34 Mädchen im Alter von acht Jahren über eine Zeitraum von 12-13 Jahren. Somit begleitete er die Mädchen solange in ihrem Leben, bis sich sogar eine der Schützlinge verlobte. Das Vertrauensverhältnis, welches sich hier aufbaute, war groß und das schätzte Dobbert sehr.

Seine Tochter konnte der neue SEK-Ausbilder, auf ihren eigenen Wunsch hin, im Hürdenlauf trainieren, bis sie letztendlich bei den Berliner Meisterschaften antreten konnte. Ein Erfolg, auf den Harry Dobbert voller Stolz zurückblickt.

Nach weitgehend ruhigen Jahren, in denen er an Meister-, Europameisterschaften und Marathons teilnahm, folgte in den 1990er-Jahren das nächste einschneidende Erlebnis während der Fahrt in einer Berliner U-Bahn.

Vorfall in Berliner U-Bahn

Harry Dobbert sah, wie ein junges Pärchen angegriffen wurde. Der junge Mann wurde zusammengetreten, obwohl sich Harry Dobbert als Polizist zu erkennen gab und versuchte, die Angreifer zu überwältigen. Bei diesem Versuch wurde er selbst zum Opfer und setzte sich eine ganze Fahrt zwischen zwei U-Bahnhöfen mit den Angreifern körperlich gewaltsam auseinander. Dobbert wurde bei diesem Unterfangen selbst schwer verletzt, indem einer der Täter ihm gegen den Kopf trat. Blut strömte über sein Gesicht und so musste er die Angreifer schließlich entkommen lassen, da seine Frau ihn glücklicherweise davon abhielt, den Angreifern weiter zuzusetzen.

Der Angriff hatte eingebrochenes Jochbein und mehrere Operationen an seinem Kopf zur Folge, wobei ihm zwei Metallplatten eingesetzt wurden und er beinahe ein Auge verloren hätte. Dennoch konnte Dobbert wieder vollständig und ohne körperliche Folgeschäden genesen. Kurz darauf besaß er sogar zwei Mauerteile und so schien die Welt vorerst wieder in Ordnung.

Weiterer Schicksalsschlag

Im Jahr 2013 musste Dobbert jedoch einen erneuten Rückschlag verkraften. Nach einer zunächst geglückten Bandscheiben-Operation wurde ihm ein Darmdurchbruch diagnostiziert, der beinahe zu spät entdeckt wurde. Die Folgen wären tödlich gewesen. Mit einer zerstörten Bauchmuskulatur und einem künstlichen Darmausgang wurde er schließlich aus dem Krankenhaus entlassen.

Der künstliche Darmausgang konnte ihm nach einem halben Jahr glücklicherweise wieder entfernt werden, doch um die weitere Pflege und Medikation musste er sich nun selbst kümmern. Er sollte das hinterbliebene Loch im Bauch mit Medikamenten und Wasser reinigen. Natürlich blieben die betroffenen Regionen von Entzündungen nicht verschont.

Aufgrund dieser schweren Rückschläge und seines fortgeschrittenen Alters ist Dobbert besonders Stolz, immer noch aktiv Sport treiben zu können und sogar das eine oder andere Mal Urkunden und Medaillen mit nach Hause zu bringen. Diese sind zwar für ihn nur Nebensache, dürften aber trotzdem für Erfolgsgefühle verantwortlich sein. Für ihn geht es um den Spaß an der Sache und darum, Neues auszuprobieren. Erst bei der letzten Europameisterschaft im Hammerwurf 2018 gelang es ihm, Drittplatzierter zu werden.

Eines dürfte bei der Betrachtung von Harry Dobberts Leben klar sein: Diesen Mann kriegt so schnell nichts klein. Und solange nicht ein weiteres Ereignis den untauglichen Versuch unternimmt, den Mann aus seinen Latschen zu kippen, hofft er, dass seiner Frau und ihm noch viele gemeinsame weitere Jahre bevorstehen. Schaut man sich Harry Dobberts Überlebensquote an, stehen die Chancen dafür glücklicherweise ausgezeichnet.